Sind Beutel-Unterhosen die Revolution in der Männerwäsche?

Beutel-Unterhosen von Pckd: ein Mix aus Slip und Boxershorts. (Foto: Steve Bergmann/Hersteller)

 

Sie wollen das Beste von Slip und Boxershorts vereinen – relative Sortiertheit mit relativer Baumelfreiheit. Ein Selbstversuch nebst historischen Anmerkungen.

Baumeln lassen oder andrücken, das sind seit Jahrzehnten die zwei Standardmethoden, um die Genitalien von Männern zu verstauen. In Boxershorts baumeln Penis und Hoden frei herum, jedenfalls wenn die Hose, die man drüberzieht, nicht zu eng ist. Die andere Verpackungsmethode heißt je nach Sprachraum Slip oder Brief. Sie kommt mit weniger Stoff aus und liegt dichter am Körper an. Fans finden, dass sich auf diese Weise da unten alles etwas sortierter anfühlt als in Boxershorts.

Und dann gibt es Männer, denen beides nicht richtig passt. Die Boxershorts sind ihnen zu locker, Slips zu eng. Außerdem kann in Slips – ob sie einen Eingriff haben oder nicht, macht eigentlich keinen Unterschied – das Klima recht stickig werden. Das wird wohl der Grund dafür sein, dass seit einigen Jahren der Markt für das beständig wächst, was auf Englisch “pouch underwear” genannt wird: Beutel-Unterhosen.

Hersteller von Beutel-Slips schießen aus dem Boden

Beutel-Unterhosen sollen, so das Versprechen ihrer Hersteller, das Beste von Slip und Boxershorts vereinen – relative Sortiertheit mit relativer Baumelfreiheit. Die Marken schießen geradezu aus dem Boden: Es gibt Ergowear aus Chile (seit 2002), Cocksox aus Australien (seit 2006), Separatec aus Hongkong (seit 2010), Bn3th aus Vancouver (seit 2010), Sheath Underwear aus Colorado (seit 2013). Von außen sehen Beutel-Slips normalen Slips recht ähnlich, aber drinnen herrscht eine ganz andere Infrastruktur. Um es anhand eines Modells der jungen Berliner Marke Pckd zu erklären: Zwischen jenem Teil des Slips, durch den man die Beine steckt, und dem Teil, in den Penis und Hoden kommen, gibt es noch eine zusätzliche Stoffschicht. In der ist ein Schlitz drin. So ist vorne alles ordentlich im Beutel verstaut, separiert vom Rest des Körpers durch diesen dünnen Extrastoff.

Der Stoff kann Feuchtigkeit aufnehmen, und weil er ein bisschen straffer eingenäht ist, zieht er das Paket sanft vom Körper weg und schiebt es etwas nach vorne. So gesehen sind Beutel-Unterhosen der Push-up-Bra für Männer. Die Revolution der Männerwäsche? Falls der Autor die Leserschaft hier mit Eindrücken von seiner Testfahrt behelligen darf: Die Marke Pckd lügt kein bisschen, wenn sie ein “24/7 Frischegefühl” verspricht. Das Tragen fühlt sich wunderbar leicht an.

Dabei ist die Evolution der Männerwäsche eigentlich ja nur eine Erinnerung an das, was es schon längst gab. Die Schamkapsel muss einem hier sofort einfallen. In der frühen Neuzeit gehörte sie in jedes Prunkgewand hinein: Man schaue sich nur das berühmte Porträt von König Heinrich VIII. von England von Hans Holbein dem Jüngeren an (um 1540) oder Tizians Gemälde vom Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Karl V. mit Hund von 1533. Diese Herrscher packten ihre besten Stücke sorgfältig ein und zeigten dies stolz. Ritterrüstungen mit abnehmbaren Genitalkapseln gab es auch. Letztere waren vor allem praktisch, weil der Ritter zum Urinieren nicht die Rüstung ausziehen musste.

Schamkapseln im Mittelalter: Reine Angeberei?

Neben der Schutzfunktion hatten Schamkapseln, häufig zum “Renommiersuspensorium” ausgestopft, natürlich auch eine Angeberfunktion. Sie wurden spätestens dann mit einem Tabu belegt, als sich die Männergarderobe im mittleren 18. Jahrhundert im Zuge der sogenannten “great masculine renunciation” vom Auffälligen zurückzog und hin zum Dezenten wandelte. Die Aufgabe, sexuelle Reize auszustellen, ging fortan auf die weibliche Garderobe über.

In genau dieses Spannungsfeld, zwischen sexuellem Protz und Betonung der Praktikabilität, fällt nun auch die neuere Beutel-Unterwäsche. Die einen sagen, sie sei einfach angenehmer zu tragen und beim Joggen scheuere endlich nichts mehr im Schritt. Die anderen freuen sich ganz nebenbei drüber, dass die Beule im Beutel so gleich ein bisserl größer aussieht. Komisch eigentlich, dass die Giganten der Männerwäsche wie Schiesser oder Calvin Klein noch nicht auf den Zug aufgesprungen sind. Ist ihnen das Prinzip zu heikel, zu sexuell oder zu vermeintlich schwul?

Bislang überlassen sie jedenfalls das Feld Unternehmern wie Andrej und Evgeny Polynski, zwei Brüdern aus Berlin. Sie lassen ihre Pckd-Unterhosen in Moskau nähen und bewerben sie mit jungen fitten Typen, die Tattoos tragen oder nicht, die hetero sein könnten oder nicht, wen interessiert das überhaupt noch? Die Werbefotos transportieren also schon einiges von der Entspannung, die man in der Hose dann spüren soll. Für ihr patentiertes Beutelsystem haben sich die Pckd-Brüder auch einen schönen Namen ausgedacht, es heißt “Scrotec”. Ein Kofferwort aus Skrotum, dem medizinischen Begriff für Hodensack, und Technik.

Dort, wo nicht die Erotik im Vordergrund stehen soll, unterhalten sich Männer ja ganz gerne mal über Technik. Wobei im Fall von Pckd auch etwas Selbstironie hinzukommt: Wenn man die ausgesparten Vokale im Markennamen addiert, lautet er nämlich “Packed” – eingepackt oder gut bestückt, das ist Ansichtssache.

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