Das Unbehagen, das viele Männer beim ersten Gedanken an einen Tanga verspüren, findet in der langen Geschichte der Herrenunterwäsche – in der tangaartige Bekleidung seit Jahrhunderten existiert – keine Rechtfertigung. Es handelt sich vielmehr um ein modernes Phänomen der letzten 40 Jahre. Ich begann in den 1980er Jahren Tangas zu tragen, genau zu der Zeit, als sie für Frauen auf den Massenmarkt kamen; damals gab es bei diesem Stil keine geschlechtsspezifische Trennung. Viele Rockmusiker (insbesondere aus der Ära des „Hair Metal“) trugen sie in den 80ern, und man fand sie ganz selbstverständlich in den meisten Kaufhäusern größerer Städte.
Heute erleben Männer stattdessen einen psychologischen Konflikt: einerseits der intuitive Reiz eines praktischen Designs, andererseits ein viel jüngeres, lautstarkes kulturelles Regelwerk, das ihnen einredet, dieses Kleidungsstück sei nichts für sie. Das Wissen um die Geschichte beseitigt zwar nicht das Zögern, verlagert aber dessen Ursprung. Der Widerstand entspringt keiner tief verwurzelten, angeborenen männlichen Wahrheit. Er resultiert vielmehr aus einer spezifischen und relativ jungen Unterbrechung einer Tradition, die einst ganz selbstverständlich zur Männerwelt gehörte. Das kleine Stück Stoff in der Hand eines modernen Mannes blickt auf eine jahrtausendealte Geschichte zurück – allein diese Tatsache sollte die Diskussion in einen neuen Kontext rücken, noch bevor sie überhaupt beginnt.
Die Verdrängung im 20. Jahrhundert
Während die Geschichte eine gewisse Normalität begründet, lieferte das 20. Jahrhundert den Mechanismus zu deren Verdrängung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich moderne Unterwäsche zum Massenprodukt; damit einher ging ein neues Verkaufsprinzip: Man verkaufte nicht mehr nur ein Kleidungsstück, sondern ein bestimmtes Bild von Männlichkeit. Die 1935 eingeführte „Jockey“-Slip-Unterhose wurde mit einer Werbung beworben, die Halt, Athletik sowie eine klare, kompakte Silhouette betonte. Noch heute sind viele Männer verunsichert und fürchten das Stigma, das dem Tragen von Slips – oder gar Badeslips – anhaftet; dieses psychologische Muster ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt.
Boxershorts, die ursprünglich aus der militärischen Ausstattung stammten, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg populär und vermittelten ein Image von Härte, Zweckmäßigkeit und unkomplizierter Männlichkeit.
Beide Modelle konkurrierten um Regalplätze und kulturelle Vorherrschaft; ihre Attraktivität basierte jeweils auf einem bestimmten Idealbild des Mannes. Männer, die Slips trugen, galten als modern und stromlinienförmig. Männer in Boxershorts hingegen wirkten kernig und traditionell. Keine der beiden Kategorien ließ Raum für irgendetwas weniger Substanzielles.
Die Marketingmaschinerie dieser Ära betrieb eine unerbittliche geschlechtsspezifische Zuordnung von Unterwäsche.
Die Werbung für Damenunterwäsche wurde zunehmend aufwendiger und betonte Spitze, Sinnlichkeit sowie das Versprechen von Verführungskraft.
Die Werbung für Herrenunterwäsche schlug die entgegengesetzte Richtung ein und setzte konsequent auf Strapazierfähigkeit, Schlichtheit und einen geradezu aggressiven Verzicht auf jegliche Verzierung.
Die implizite Botschaft war eindeutig: Herrenunterwäsche sollte funktional und unauffällig sein. Alles, was die Aufmerksamkeit auf sich zog oder ein Interesse an Äußerlichkeiten oder einem über das Nötigste hinausgehenden Komfort erkennen ließ, lief Gefahr, als weiblich wahrgenommen zu werden. Dabei handelte es sich nicht um eine organische kulturelle Entwicklung. Vielmehr war es eine gezielte Strategie der Hersteller zur Marktsegmentierung und Umsatzmaximierung – eine Strategie, die so erfolgreich war, dass Männer diese binären Vorstellungen verinnerlichten, ohne jemals deren Ursprung zu hinterfragen.
Der Tiefschutz (Jockstrap) kommt ungeschoren davon … irgendwie?
Der Suspensorium – in dieser Geschichte oft übersehen – bildet einen aufschlussreichen Gegenpol. Ursprünglich in den 1870er Jahren entwickelt, um Fahrradkurieren auf holprigem Kopfsteinpflaster Schutz vor Stößen zu bieten, entwickelte sich der Jockstrap zu einem festen Bestandteil des Kontaktsports. Seine Konstruktion – ein Bund, ein stützender Beutel und zwei elastische Riemen, die das Gesäß völlig frei ließen – unterscheidet sich funktionell nicht von vielen modernen Tanga-Modellen. Dennoch galt der Jockstrap stets als eindeutig männlich; seine Verbindung zu Sport und Verletzungsprävention fungierte dabei als kultureller Schutzschild. In keiner Umkleidekabine wurde je über einen Jockstrap gespottet. Kein Partner zog je die Augenbrauen hoch, wenn ein Jockstrap in der Sporttasche lag. Die Akzeptanz dieses Kleidungsstücks zeigt, dass es nicht auf die Menge des Stoffes ankommt. Entscheidend ist die Geschichte, die über diesen Stoff erzählt wird.
Wir alle wissen, dass die meisten Männer bei dem Gedanken, einen Tanga im Fitnessstudio zu tragen, vor echter Angst geradezu zusammenzucken und zittern – so sehr, dass selbst diejenigen, die regelmäßig Tangas tragen, ihre Unterwäsche zu Hause wechseln, bevor sie ins Studio gehen, nur damit niemand sieht, dass sie für das anstehende Training eigentlich eine praktischere Art von Unterwäsche tragen.
Wenn eine Frau ins Fitnessstudio geht und Leggings oder enge Shorts trägt, stellt sich die Frage gar nicht erst: Der String-Tanga ist die einzige Wahl.
1960er & 1970er Jahre – Die Zeiten ändern sich
In den 1960er und 1970er Jahren hatte sich die Auswahl an akzeptabler Herrenunterwäsche zu einer Art unsichtbarer Architektur verfestigt. Männer wählten ihre Unterwäsche aus einem so begrenzten Angebot, dass es sich kaum noch wie eine echte Wahl anfühlte. Die Möglichkeit, etwas anderes zu tragen, war still und leise aus den Regalen – und, was noch schwerer wiegt, aus der Vorstellungskraft – verschwunden.
Kaufhäuser führten keine alternativen Modelle für Männer. Auch die Kataloge zeigten nichts anderes als die beiden gängigen Varianten. Die kulturelle Akzeptanz für andere Modelle als Slips oder Boxershorts war schlichtweg verschwunden; an ihre Stelle trat ein so umfassender Konsens, dass Männer, die in dieser Zeit aufwuchsen, womöglich nie erfuhren, dass es je eine Alternative gegeben hatte. Was als Marketingstrategie begonnen hatte, wurde zur gesellschaftlichen Norm – und was zur Norm wurde, fühlte sich schließlich wie ein Naturgesetz an.
Die Folgen dieser Verdrängung spiegeln sich in jedem Zögern wider, das ein moderner Mann erlebt. Wenn er zum ersten Mal einen Tanga in die Hand nimmt, sieht er sich nicht bloß einem ungewohnten Kleidungsstück gegenüber. Er begegnet der geballten Last jahrzehntelanger Unsichtbarkeit und Unvorstellbarkeit dieses Objekts – eines Objekts, das, wenn es überhaupt einmal in Erscheinung trat, unmissverständlich als weiblich markiert war. Das Unbehagen, das er dabei verspürt, ist kein persönliches Versagen. Es ist die vorhersehbare Folge eines gezielt geschaffenen kulturellen blinden Flecks – eines Flecks, den man verstehen und, bei richtiger Betrachtungsweise, auflösen kann.
Der Frauenverein
Die letzte Phase dieser Entwicklung setzte in den 1980er Jahren ein und gewann in den 1990ern derart an Dynamik, dass sie die Kultur der Unterwäsche grundlegend veränderte.
Der Tanga – der in verschiedenen Formen für Frauen bereits seit der Mitte des Jahrhunderts existierte – entwickelte sich plötzlich zu einem Massenphänomen, angetrieben von Modetrends, die unter eng anliegender Kleidung unsichtbare Ränder verlangten. Die Hersteller ergriffen die Gelegenheit und überschwemmten den Markt mit Damen-Tangas in unterschiedlichsten Materialien, Farben und Preislagen. Die Werbung stilisierte den Tanga zum Ausdruck weiblichen Selbstbewusstseins, sexueller Selbstbestimmung und eines positiven Körpergefühls. Zur Jahrtausendwende war die Assoziation unumstößlich: Der Tanga galt als Kleidungsstück für Frauen – Punkt. Eine ganze Generation von Männern wuchs mit der Überzeugung auf, dass dies nicht bloß ein Marketingtrend, sondern eine grundlegende Tatsache der materiellen Welt sei. Dies erklärt weitgehend, warum die meisten Kaufhäuser schon kurz nach Beginn des neuen Jahrhunderts – etwa zwischen 2003 und 2006 – Tangas für Männer sowie jegliche andere Unterwäschemodelle jenseits der klassischen Wahl zwischen Boxershorts und Slip aus ihrem Sortiment verbannt hatten.
Hinzu kamen die Erfindung der Boxer-Briefs durch John Varvatos in den späten 1990er Jahren als Antwort auf die Frage „Boxershorts oder Slip“, der Einfluss der kalifornischen Surfkultur mit ihren langen, weiten Badeshorts sowie die bis weit nach unten reichenden Basketballshorts von Magic Johnson – all diese Faktoren führten dazu, dass die Popkultur sämtliche Alternativen praktisch verdrängte.
Die psychologischen Auswirkungen des Genderns.
Für einen Mann bedeutet schon der bloße Gedanke, einen Tanga zu tragen, das Überschreiten einer Grenze – einer Grenze, die durch jedes Kaufhaus, das sich weigerte, das Produkt ins Sortiment aufzunehmen, durch jede Dessous-Werbung, jeden Witz in einer Sitcom und jeden Songtext zementiert wurde. Das Kleidungsstück ist mit einer Bedeutung aufgeladen, die nichts mit seinen physischen Eigenschaften zu tun hat, sondern allein mit der kulturellen Symbolik, die ihm im Laufe der Zeit zugeschrieben wurde.
Ein Mann, der sich zu diesem Schnitt hingezogen fühlt – sei es aus Gründen des Tragekomforts, aus Neugier oder wegen des stillen Reizes eines privaten Aktes der Selbstdefinition –, muss zunächst die verinnerlichte Warnung überwinden, dass dieses Objekt nicht für ihn bestimmt ist. Diese Warnung ist zwar nicht rational, aber mächtig; sie wirkt unterhalb der Schwelle des bewussten Denkens.
Forschungsergebnisse zu geschlechtsspezifischen Produktassoziationen helfen zu erklären, warum diese Barriere so unüberwindbar erscheint. Studien der Konsumentenpsychologie zeigen immer wieder: Sobald ein Gegenstand kulturell einem Geschlecht zugeordnet ist, löst seine Verwendung durch das andere Geschlecht automatisch Unbehagen aus – selbst wenn es dafür keinen logischen Grund gibt. Diese Reaktion ist keine bloße Eigenart der Persönlichkeit. Sie ist eine erlernte kognitive Abkürzung, verinnerlicht durch jahrelange Erfahrungen in einer Welt, die nach Geschlechterkategorien strukturiert ist. Der Mann, der vor einem Tanga zögert, ist nicht etwa schwach oder ungewöhnlich unsicher. Sein Gehirn folgt lediglich einer einprogrammierten Vorgabe: Das Objekt wird als weiblich wahrgenommen; sich ihm zu nähern, erfordert daher eine Rechtfertigung, die von einer Frau bei gleicher Entscheidung niemals verlangt würde.
Die Ironie dabei ist, dass diese Assoziation mit dem Weiblichen auf einem reinen historischen Zufall beruht. Dasselbe Kleidungsstück, das ein römischer Athlet ohne Zögern trug, das ein japanischer Arbeiter als praktischste verfügbare Option betrachtete und auf das ein Wikinger-Seemann zur Erhaltung seiner Gesundheit auf See setzte, wurde durch eine Reihe von Marktentscheidungen in den Führungsetagen der letzten vierzig Jahre als inhärent weiblich umgedeutet. Diese Umdeutung war so wirkungsvoll, dass sie die jahrtausendelange Nutzung durch Männer nahezu vollständig in Vergessenheit geraten ließ. Wenn der heutige Mann der Neugier nachgibt, greift er nicht nach etwas Fremdartigem. Er greift nach etwas, das seiner Tradition entnommen und ihm mit dem Etikett „Nicht für dich“ wieder ausgehändigt wurde.
Das Verständnis dieser Geschichte lässt das Zögern zwar nicht automatisch verschwinden, verändert aber dessen Charakter. Was sich einst wie Scham anfühlte – das Gefühl, mit einem Mann, der so etwas tragen möchte, müsse etwas nicht stimmen –, kann allmählich eher als verständliche Prägung wahrgenommen werden. Das Unbehagen ist zwar real, doch seine Ursache liegt im Außen und ist neueren Datums, nicht im Inneren und tief verwurzelt.



